Ist Silber wirklich der kleine Bruder des Goldes?

An der Börse wird das Silber gerne als kleiner Bruder des Goldes gesehen. Das stimmt, wenn man sich die Kursverläufe der beiden Edelmetalle anschaut, in weiten Teilen. Aber eben nicht zu 100 Prozent. Und so kommt es am Markt immer mal wieder zu Fehlkalkulationen.

Der jüngste Kursabsturz des Silbers könnte ein solcher Effekt sein. Im Kielwasser des schwachen Goldpreises ist die Feinunze Silber seit Anfang Oktober von 35,39 Dollar auf vergangene Woche erreichte 26,65 Dollar gefallen. Am Freitag hat sich der Feinunzenpreis stabilisieren können, sodass gute Chancen bestehen, dass der Silberpreis an der wichtigen und starken Unterstützung bei 26,07/26,77 Dollar nach oben abprallen kann.

Die viel wichtigere Frage aber ist: War der vorherige Absturz berechtigt und wie stark ist auf dieser Basis das Erholungspotenzial?

Schaut man sich das Gold an, so fallen extreme Abflüsse im Laufe des ersten Quartals aus börsengehandelten Investmentvehikeln, zum Beispiel Investmentfonds (ETF), auf. Der Trend stoppte erst, als klar wurde, dass es in Zypern an die Bankguthaben geht. Ansonsten zeigen jüngst veröffentlichte Zahlen von ETF Securities weltweit milliardenschwere Abflüsse aus börsennotierten Goldinvestments im ersten Quartal dieses Jahres. Andere Experten wie zum Beispiel Jeff Clark von Casey Research weisen ebenfalls darauf hin.

Und beim Silber, angeblich der kleine Bruder des Goldes? Wer hier ebenso große Abflüsse erwartet, liegt völlig daneben. Tatsächlich laufen derzeit die Trends bei Gold und Silber völlig auseinander, wie die Zahlen zum Beispiel der ETFs zeigen. Im Gegensatz zum Gold verzeichnet die Nachfrage nach Silber Zuwächse. Das lässt sich auch abseits der Börse sehen, so zum Beispiel bei den Münzverkäufen. Die US-Münzprägeanstalt U.S. Mint befindet sich mit den Verkäufen des „American Silver Eagle“ auf Rekordkurs. Mehr als 14,2 Millionen Stück hat man im ersten Quartal verkaufen können, allein 7,5 Millionen davon im Januar – ein neuer Rekordmonat. Zum Vergleich: Im bisherigen Rekordjahr 2011 hat man rund 39,9 Millionen der Münzen absetzen können.

Auch wenn es der Börsenkurs des Silbers derzeit nicht zeigt: Die Nachfrage nach dem Edelmetall von Investmentseite verändert sich enorm und entwickelt sich wesentlich besser als beim Gold.

Die unterschiedliche Entwicklung hat vor allem mit der Rolle des Silbers als wirtschaftlich wichtiges Metall zu tun. Ein großer Teil der Silberförderung wird von der Industrie gekauft und zu unterschiedlichsten Produkten weiterverarbeitet. Dies macht Silber sensitiver für konjunkturelle Schwankungen. Höhere Wachstumsraten, und genau dies erwarten viele Experten, wirken sich also positiv auf das Silber aus. Im Gegensatz dazu wäre ein konjunktureller Aufschwung und seine Folgen für viele ein Grund, dem Gold den Rücken zu kehren. Die Zeiten niedriger Zinsen und einer expansiven Politik der US-Notenbank würden dann ihrem Ende entgegengehen – beide Faktoren aber werden als wesentlich für die Goldpreishausse der vergangenen Jahre angesehen. Fallen sie weg, entfällt zugleich eine wesentliche Stütze für den Goldpreis. Am Markt scheint man sich jetzt schon darauf vorzubereiten, dass die Uhren zukünftig anders gehen werden.

Bildquellen: fotolia, istockphoto
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Stefan Bender
Stefan Bender beschäftigt sich seit 1999 mit der Börse und dem Trading und ist seit April 2005 Mitglied der Community von wallstreet:online. Täglich beobachtet er Minengesellschaften, Explorer und angehende Produzenten. Seit 2011 ist er als Chefredakteur für Miningscout aktiv. Der Börseninformationsdienst Miningscout hat sich auf Berichte aus dem Rohstoffsektor spezialisiert. Unter www.miningscout.de werden fundierte Informationen zu Rohstoffen, Minenunternehmen und Branchentrends bereitgestellt. Als Informationsportal für internationale Minengesellschaften bietet Miningscout zudem eine professionelle Plattform, um Rohstoffunternehmen mit allen wichtigen Investitionsaspekten zu präsentieren.

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